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Einführung zur Ausstellungseröffnung am 2. Juli 2016 in der Galerie Altes Rathaus, Worpswede: „Im Fluss. Landschaften im Spiegel“, Fotografien von Barbara Millies

 

Text von Kurt Greussing, Sozialwissenschaftler und Ausstellungskurator, Dornbirn/Österreich

 

Diese Ausstellung hat Naturlandschaften zum Thema. Naturlandschaften wirken einfach, natürlich und allem Politischen entrückt. Was aber so wirkt, ist gar nicht einfach, natürlich und allem Politischen entrückt.

 

Naturlandschaften wirken unschuldig. Sie sind es aber nicht. Denn sie sind ein höchst beliebtes Motiv in allerlei gesellschaftlichen Auseinandersetzungen – übrigens nicht erst, seit es die Grünen gibt.

 

Naturlandschaft und bäuerliches Leben waren schon in der Antike mit Bildern und Erwartungen aufgeladen, die sich als Gegenentwurf zum städtischen Leben verstanden. Etwa in den Bukolika des Vergil (1. Jh. v. Chr.), also in den Hirtengedichten, die die Idylle des ländlichen Lebens priesen, als Gegensatz zur Rast- und Ruhelosigkeit der Stadt.

 

Zum Ende des 19. Jahrhunderts, als sich hier in Worpswede die erste Generation von Künstlern niederließ, war Landschaft ein ebenso idyllisiertes wie umstrittenes Thema geworden. Denn wir befinden uns nun im Zeitalter der großen Industrie- und der großen Verkehrsbauten und der schier explodierenden Städte – also in einer Zeit des massiven Landschaftsverbrauchs im Zeichen der Moderne. Natur begann für Städter fühlbar knapp zu werden, und so wurde Natur – für eine bestimmte Schicht von Leuten jedenfalls – ideell und materiell wertvoll.

 

Fritz Mackensen ist hier in Worpswede unter den Künstlern der Wortführer dieser Richtung gewesen: einer, der Naturlandschaft und bäuerliches Leben zu Helden seiner Arbeit macht. Mit seinem Bild „Gottesdienst im Freien“ setzt er 1895 in einer Ausstellung in München einen Markstein in der Kunstlandschaft. Von der Landschaft und vom bäuerlichen Leben als den „Heldenmotiven“ der Kunst konnten Macksensen und andere leicht eine Brücke zum völkischen Denken jener Jahrhundertwende schlagen. Dieses Denken war von der Annahme geprägt, dass es so etwas wie einen Volkskörper gebe, mit einem eigenen Volkscharakter, der das Ursprüngliche repräsentiere, das Reine, das Unverdorbene, das Wahre – ohne die Schnelllebigkeit, die Beliebigkeit, die Begierden, die Moden, den Traditionsverlust, die Unsicherheiten und das immer wieder Neue der Moderne.

 

Die Worpsweder Landschaften konnten einem solchen Denken leicht als Motiv dienen: Sie erschienen und erscheinen bis heute als Barrieren des Immer-schon-Dagewesenen gegen die Zumutungen der Moderne.

 

Gleichzeitig gab es, ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die Überwältigung von Natur und Landschaft durch die großen Verkehrs- und Flussbauten. Der Herold dieses Sieges der Moderne war das Medium der Moderne – die Fotografie. Sie zeigt uns in den Bildern des Eisenbahnbaus, der Tunnelbauten, der großen Flussbauten und der großen Fabriksbauten den Sieg der Maschinerie und der Ingenieurskunst über die Natur und über die Landschaft. Die dokumentarische Fotografie jener Zeit ist die Kunstform, in der der Sieg der Technik über die Natur und die Naturlandschaft gefeiert wird.

 

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Wer die Landschaft betritt, betritt also kein unschuldiges Gelände, sondern eines, das immer wieder ideologisch besetzt, manchmal richtiggehend vermint wurde. Auch Barbara Millies betritt mit ihren Bildern die Landschaft – somit ein keineswegs neutrales Gebiet.

 

Ich versuche nun, diese Serie von Landschaften in einen Zusammenhang mit dem zu stellen, was ich aus der Beschäftigung mit anderen Arbeiten von Barbara Millies erfahren habe.

 

 

1.

Grasnarben 2008-2009 - www.grasnarben.de

Fotografien von ehemaligen NS-Lagern in Nordwestdeutschland.

Eine Bildserie von Barbara Millies und Harald Schwörer

 

Eigentlich scheint auf diesen Bildern alles klar und einfach: Grasflächen, zum Teil mit Bändern abgegrenzt, im Gras kaum sichtbare Spuren von Gebäuden oder Gräben. Sonst nichts?

 

Natürlich ist da sonst etwas: Spuren eines kollektiven Wissens um etwas Bedrohliches, Unheimliches, Verbrecherisches: nämlich Krieg, KZs, Zwangsarbeit. Diese Spuren sind bei jedem von uns anders ausgeprägt, deutlich oder undeutlich, mit konkretem Wissen aufgeladen oder nur mit Ahnungen, aber sie sind da. Mit diesen Erinnerungsspuren verbinden sich nun diese Grasnarben, also die Bilder von Barbara Millies und Harald Schwörer.

 

„... Es sind keine Artefakte auf den Fotografien zu sehen, die direkt zum Erinnern auffordern, wie Grabsteine, Mahnmale oder Skulpturen.

Es sind keine architektonischen Fragmente von Lagerorten wie Zäune, Wachtürme, Eisenbahnschienen etc. abgebildet, die als Symbole für Nationalsozialismus und Holocaust im kollektiven Gedächtnis verankert sind.

In den Bildkompositionen werden Elemente der tradierten Ikonographie vermieden. Stattdessen sind bauliche Spuren aufgenommen, die möglichst wenig mit Bedeutung aufgeladen erscheinen. ...“

 

Was Barbara Millies und Harald Schwörer da gemacht haben, ist ebenso einfach wie raffiniert: Sie lassen uns mit dem vermeintlich Eindeutigen – nämlich dem einfachen Grasfeld – allein. Dieses Eindeutige löst sich in unserem Kopf bald auf, mit unseren Ahnungen, mit unserem Vorwissen, mit unserem Mehr-Wissen-Wollen. Und das Ergebnis ist etwas ganz anderes als das bloße Bild, die bloße Grasfläche: Es ist bei jeder Betrachterin, jedem Betrachter, der sich auf dieses Verfahren einlässt, etwas Neues und etwas ganz und gar Unberechenbares.

 

 

2.

NO MORE WAR biz: www.no-more-war.biz

Projekt aus 2015, im Mai 2016 ausgezeichnet von der Bremischen Stiftung für

Rüstungskonversion und Friedensforschung

 

Sie können das Ergebnis dieses Projekts – einen Zehnminutenfilm – hier in der Ausstellung sehen.

 

Da ist also dieser riesige Bunker, der zweitgrößte Europas, an der Unterweser. Das ist erst einmal nichts anderes als ein unheimlicher Klotz, unförmig, hässlich, brutal, verfallend, verfaulend – und in seiner schieren Gewaltigkeit und Unförmigkeit faszinierend. Auch dieses Projekt arbeitet mit der Herausforderung des scheinbar Eindeutigen: Der Klotz ist einfach da. Doch dann beginnt er durch die zu einem Film montierten 200 Fotos über die verschiedenen Tageszeiten hinweg sich zu verändern, es gibt die Leuchtschrift „NO MORE WAR biz“, die in verschiedenen Wort- Kombinationen neue Bedeutungen hervorbringt. Mithin: das Eindeutige ist weg, und die Herausforderung an die eigene Vorstellungskraft ist da.

 

 

3.

„Im Fluss. Landschaften im Spiegel“ von Barbara Millies

 

Der Betrachter bekommt auch hier – wie beim „Grasnarben“-Projekt und bei „No- More-War-biz“ – nur eine Ahnung vorgegeben. Er muss die Bilder selbst mit Bedeutung aufladen.

 

Üblicherweise funktioniert Fotografie ja mit dem Anspruch der Eindeutigkeit: Das Bild bildet die Wirklichkeit ab. Es bedeutet das, was du siehst.

 

Mit diesem Anspruch ist die Fotografie immer wieder und bis heute aufgetreten – wie erwähnt, vor allem die sozialdokumentarische Fotografie ab der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, mit ihrer Wiedergabe von großen Bauwerken, von Maschinen und von choreografierten Belegschaften.

 

Erst langsam hat man mittels der Fotografie-Soziologie und durch die Semiotik (also die Analyse von Zeichen und ihrer Bedeutung) sowie in der Geschichtswissenschaft begonnen, diese anscheinende Eindeutigkeit aufzulösen und ganz andere Deutungsmöglichkeiten zu finden. Zum Beispiel bei den alten Fotos des Bahn- und Hafenbau: die Dampfmaschine als die eigentliche Heldin des Geschehens, gepaart mit den Ingenieuren; das Verschwinden des individuellen Arbeiters und der Arbeitsbedingungen; die Darstellung der Arbeiterschaft als der Maschine unterworfene und um die Maschine herum choreografierte Masse.

 

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Barbara Millies jedoch dreht bei ihren Landschaftsbildern, die wir hier sehen, den Spieß sozusagen gleich einmal um. Sie will gar nicht die Vorstellung erwecken, diese Bilder seien eindeutig, als ob es Ansichtskarten wären. Sondern die Abbildung der Wirklichkeit ist durch digitale Bearbeitung vertikal vertauscht. Also schon beim Ausgangsmotiv ist rechts nicht rechts und links nicht links. Die entsprechende Spiegelung hingegen – sei's im Wasser, sei's im Spiegel - ist ja immer seitenverkehrt. Weil jedoch das Ausgangsobjekt schon seitenverkehrt ist, wird die Spiegelung paradoxerweise richtig. Oder anders: Das wirkliche Objekt ist die Illusion, und zwar eine verkehrte. Die die Wirklichkeit verkehrende Spiegelung hingegen ist das Wahre.

 

Daher erscheinen Ihnen, meine Damen und Herren, die Sie diese Landschaften kennen, die Spiegelungen der Orte und Objekte bekannt. Die illusionäre Spiegelung erschient Ihnen als das Wahre. Barbara Millies betreibt also ein irritierendes Spiel mit Ihren Wahrnehmungen und mit Ihren Gewohnheiten.

 

Was passiert aber nun, wenn diese Landschaften einem Betrachter wie mir von vorn- herein unbekannt sind, wenn also wie bei den Bildern des „Narben“-Projekts lediglich eine vage Vorbedeutung besteht? – nämlich dass es sich um Landschaften bei Worpswede handelt, einem Ort, der für einen Fremden nur dann Assoziationen hervorruft, wenn er bildungsbürgerlich vorbelastet ist – was also bedeuten diese Bilder für jemanden, dem diese Landschaften, im Gegensatz zu Ihnen, nicht bekannt sind, der darum auch die Irritationen gar nicht spürt, die die Fotografin mit den Unterschieden von bearbeitetem Bild und persönlich erfahrener Wirklichkeit auslösen will?

 

Nun: Auch da löst sich die scheinbare Eindeutigkeit dieser Landschaftsbilder ziemlich rasch auf – in Eindrücke, die hin- und herwechseln zwischen Friedlichem und Bedrohlichem, Immer-schon-Dagewesenem und aktuell Gefährdetem, klar Scheinendem und rätselhaft Verborgenem.

 

Das Eindeutige ist weg, die Verunsicherung ist da. Eine Verunsicherung, die mich als Fremden, dem die Worpsweder Landschaften unbekannt sind, jetzt bewegen könnte, genau diese Landschaften selbst in Augenschein zu nehmen, also das vermeintlich Eindeutige aufzufinden – nur damit ich dann draußen dasselbe feststellen werde wie hier herinnen:

Es ist doch alles ganz anders.